Wehrkirche

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Als Wehrkirche werden Kirchen bezeichnet, die mit Vorrichtungen zur Abwehr von Feinden, wie z.B. Zinnen, Wehrerkern (Pechnasen), Maschikulis oder Schießscharten versehen sind.

Ist die Kirche von einer Verteidigungsanlage umgeben, die auch andere Wehrbauten umschließt, spricht man von einer Kirchenburg.

Funktionalität

Wehrkirchen und Kirchenburgen hatten meist eine abgestufte Funktionalität der Wehrhaftigkeit. Diese ging von außen nach innen:

Kirchhofsmauer

Die Kirchhofsmauer - bei Klöstern die Klostermauer - war oft der Stadtmauer von Städten vergleichbar. Sie besaß oft Schießscharten, manchmal auch Zinnen. Zuweilen war sie auch mit einem echten Wehrgang versehen, wie man es von Stadtmauern kennt.

Einige Wehrkirchen hatten vor der Kirchhofsmauer einen Wassergraben, den es zunächst zu überwinden galt, wollte man die Wehrkirche erstürmen.

Zuweilen hatten Wehrkirchen auch eine vorgeschobene 2. Mauer. Sie war meist kleiner und weniger befestigt.

Kirchenmauer

Hatte der Angreifer den Kirchhof erstürmt, so sah er sich nun einem Kirchengebäude gegenüber, die mit ihren dicken Mauern und kleinen Fenstern, die zudem noch meist hoch oben lagen, einer Burg glichen. Die Eingeschlossenen konnten sich durch verschiedene Möglichkeiten des Kirchengebäudes den Angreifern erwehren.

Kirchturm

Hatten die Angreifer die Kirche erstürmt, so konnten sich die Eingeschlossenen in den Kirchturm zurückziehen. Um das Nachrücken des Feindes zu verhindern oder zumindest zu erschweren, gab es verschiedene Maßnahmen:

  • schmale Treppe ohne Geländer
    Ein oder zwei schmale Treppen ohne Geländer führten vom Kirchenschiff ins Obergeschoss. Diese sind so schmal, dass man darauf vorsichtig nach oben gehen konnte, aber zum Kämpfen ungeeignet war. Leicht konnten die Verteidiger den Angreifer von dieser schmalen Treppe stoßen.
  • engen Treppenaufgang zum Turm
    Der enge Treppenaufgang schränkte die Bewegungsfreiheit nachrückenden Angreifer stark ein. Dieser konnte in dem Gang kaum kämpfen. Damit konnte dieser Aufgang gut von oben verteidigt werden.[Anm. 1]
  • in das Obergeschoss eingezogene Leiter
    Das Obergeschoß konnte nur über eine Leiter erreicht werden. Diese zogen die Eingeschlossenen hoch und schnitten damit den Angreifern die Möglichkeit des Nachrückens ab.
  • in das Obergeschoss eingezogenes Seil oder Strickleiter
    Eine Variante, den Angreifern die Möglichkeit des Nachrückens abzuschneiden, ist die Strickleiter oder das Seil, das in das Obergeschoss führte. Mitunter war der unter dem Öffnungsloch gelegene Raum bewusst so klein gehalten, dass man darin keine Leiter aufstellen konnte, über die das Obergeschoss hätte erreicht werden können. Damit blieb nur das Seil oder die Strickleiter. Selbige(s) war jedoch von den Eingeschlossenen eingezogen.

Wehrhaftigkeit

Um zu zeigen, wie wirksam die verschiedenen Baumaßnahmen waren, werden hier einige Beispiele aus der Geschichte genannt.

1388 war der Kirchhof von Dössingen von bewaffneten Bauern und Rittern des Grafen Eberhard von Württemberg besetzt, die dem Heer der Städter mehrere Tage Widerstand leisteten. Dadurch konnte der Marsch nach Sindelfingen so sehr gestört werden, dass Graf Eberhard mit seinem Heer von Norden (Leonberg) her und das württembergische Heer unter Werner von Rosenfeld von Süden her die Städter bei Dössingen umklammern und schließlich vernichtend schlagen konnten. "Wenn auch die Befestigung der Kirchen in den wenigsten Fällen aus strategischen Überlegungen der Landesherrschaft, sondern meist für die Bedürfnisse der umwohnenden Bauern errichtet wurde, so zeigt doch das Beispiel von Dössingen, wie eng beide Belange verknüpft waren und welche militärisch hervorragende Rolle eine Kirchenbefestigung spielen konnte. Der Ausgang der Dössinger Schlacht war entscheidend für was weitere Schicksal Württembergs."[1]

1449 war Reinsberg der Schauplatz blutige Kämpfe im Städtekrieg (Bebenburger Fehde). Auf dem Kirchhof wurde der hällische Anführer Hans Bub von Frankfurt bestialisch erstochen. Die Bauern des Ortes und die Haller zogen sich in die Kirche zurück und verrammelten sie. Die Brandenburger griffen die Kirche an, doch die Eingeschlossenen bewarfen sie von oben mit auf dem Kirchturm deponierten Steinen so hartnäckig, dass die Brandenburger vom Angriff anliessen und sich zurückzogen. Danach galt der Kirchhof und die Kirche als entweiht. Vor der neuen Weihe durfte dort niemand bestattet und kein Gottesdienst gefeiert werden (Verletzung der Asylrechtsbestimmungen).[2]

1525 spielte die Wehrkirche zu Weinsberg eine wichtige Rolle: Als die Bauern mit Hilfe der Bürger, die ihnen die Tore geöffnet hatten, in die Stadt eindrangen, zogen sich die Ritter in die Kirche zurück, doch die Bauern folgten ihnen auch - das Asylrecht missachtend - bis in das Kirchenschiff. Als letzte Zuflucht flohen die Ritter in den Turm. Die Bauern drängten über die schmale Treppe nach. Durch die völlige Erschöpfung der Ritter konnten die Bauern sie überwältigen. Es wurden etwa 20 Adelige erschlagen.[3]

Wehrkirchen

Schweiz

In der Schweiz haben nur Lokalkriege Zerstörungen angerichtet. Mehr ging durch Neubauten verloren. In der frz.- und it.-sprechenden Teilen der Schweiz fallen die befestigten Häuser der Adelsfamilien innerhalb der Orte auf. Es sind wahre Donjons. Oft sind es Häuser der Viztume, der weltlichen Beauftragten des Bischofs.[4]

"Als woanders die Religionskämpfe als Folge der Reformation längst vergessen waren, errichteten in der Schweiz die Villmerger Kriege ihren Höhepunkt. Um 1700 stand noch ein weiterer Kampf mit den 1656 besiegten reformierten Ständen bevor. Deshalb bauten die Züricher überall dort ihre Kirchhöfe aus, wo sie Überfälle aus der Nachbarschaft befürchteten."[5]

Österreich

"Von Wien aus an der Straße zum Semmering reihen sich rechts und links der heutigen Straße die Wehrkirchen aneinander.
Der Weg in die Alpen lief entlang der Ostgrenze, die ständig zuerst von Ungarn und dann von Türken bedroht war. So beginnt dieser Wall gegen die östlichen Einfälle im Norden über Wien und stößt dann auf den Wehrkirchenwall südlich der Alpen. Um nur einige zu nennen: Mistelbach, Pulkau-Zellerndorf, Deutschwagram. ... Perchtoldsdorf"[6]

"Der Süden, Kärnten und die Steiermark sowie Krain und Ungarn der ehemaligen Donaumonarchie, mußte wie Siebenbürgen nichtchristliche Feinde abwehren, denen Kirchen, Reliquien und Sakramente in keiner Weise heilig waren."[7]

"Dies hängt mit deren besonderen Bedrohung durch die Türkeneinfälle im 15. Jahrhundert zusammen. Mehr noch als in Niederöstrreich und Steiermark nahmen in Kärnten die Raubzüge bestimmte, durch Flußtäler und Gebirgsübergänge vorgezeichnete Wege in die offenen, flachen Binnenlandschaften. Über den Seebergpaß fielen 1473 die Türken zum erstenmal in Kärnten ein. 1478 drangen sie über den Predil ins Land ein. In ihrem Vorgelände sind überall Wehrkirchen anzutreffen, während sie im Oberland, das wenig oder nur kurze Zeit unter den Einfällen zu leiden hatte, seltener sind.
Die Wehrkirchen sind jedoch nicht nach den Gesichtspunkten einer Landesverteidigung angelegt worden. Diesem Zweck dienten vor allem Verschanzungen an den Landesgrenzen, die freilich, schlecht oder gar nicht besetzt, dem Feinde wenig Widerstand boten. Die Wehrkirchen hatten nur örtliche Bedeutung. In der Art, wie das Landvolk seine Kirchen befestigte, gab es keinen Unterschied zwischen deutschen und windischen Kärtnern. In der gemeinsamen Not und in dem Bestreben sich davor zu schützen, wurden auch in dieser Beziehung die Worte des Chronisten Megiser wahr, daß 'aus ihnen beyden einerley volk ist worden.'"[8]

"Daß die Kirchen in den meisten Fällen auf für die Verteidigung wenig geeigneten Plätzen liegen, was besonders bei ihrer häufigen Hanglage zutrifft, ist ein Zeichen, daß diese Kirchen schon längst bestanden haben, bevor es zu ihrer Befestigung kam. Als man im 15. Jh. begann, die Kirchen zu der Wehr einzurichten, war die Platzfrage für die ja schon vorhandenen Kirchen längst gelöst."[9]

"Der wichtigste Bestandteil der Kirchenbefestigung war die um die Kirche geführte, verteidigungsfähige Kirchhofmauer. Sie umgibt die Kirche zumeist in einem Quadrat oder Rechteck, die kaum jemals ganz regelmäßig sind. ... Der in Niederösterreich, Franken und Thüringen häufiger Zwinger, der durch die Anlage einer zweiten, der Kirchhofmauer in einigem Abstand vorgelegten, niedigeren Mauer gebildet wird, ist an keiner Kärntner Wehrkirche nachzuweisen. Ein den Kirchhof umgebenden Graben kommt nur in Maria Saal vor und ist in Diex und Weitensfeld noch festzustellen."[10]

Die Kirchhofmauer hatte meist eine Größe zwischen 3,80 m (Wölfnitz) und 6 m (Stift Griffen). Die Mauerstärke liegt meist zwischen 0,6 und 1,0 m. "Im Aufbau der Mauer unterscheidet man einen unteren Mauerteil, der meist nur wenige oder gar keine Schießscharten enthält, und einem oberen, die Brustwehr, die bei stärkeren Mauern aus dünnerem Mauerwerk über einen Rücksprung besteht und die eine fortlaufende Reihe Schießscharten aufweist, hinter denen ein hölzerner Wehrgang gezimmert ist. ... An den meisten Kirchhofmauern sind jedoch die Wehrgänge abgebrochen und haben dann nur eine Reihe von Balkenlöchern hinterlassen, in denen die Tragbalken des Wehrganges stecken."[11]

"Die Verteidigungsfähigkeit der Kirchhofmauer wurde durch das Anbringen von Türmen außerordentlich erhöht. Sie stehen zumeist an den Ecken, wo sie die zwei anschließenden Mauerstrecken flankieren konnten. Die Mehrzahl der Kärntener Wehrkirchhöfe besaß keine Mauertürme. Zumeist finden wir nur einen einzigen Mauerturm im Bering, selten mehr."[12]

Der Eingang zum Kirchhof ist stets der Siedlung zugewandt. Von einfachen Toren bis hin zum Torturm sind sie ausgestaltet. Alte Torflügel an Kirchhoftoren gibt es in größerer Zahl nur im Maingebiet und in Kärnten. Im Maingebiet haben sie immer ein Mannloch, ein kleines Türchen, das bei geschlossenem Tor einem einzelnen Mann Einlasss gewährte. In Kärnten fehlt dieses Mannloch, dafür sind die Tore außen mit Eisen beschlagen und haben kleine Schießlöcher in der Form von Dreiecken und Schlüssellöcher. Innen haben sie Laufröhren zur Führung eines Riegelbalkens. Eine die Toröffnung umgebenden Blende für die Aufnahme einer Zugbrücke ist nur in Maria Saal, Diex und Weitensfeld. In Kärnten fehlen im Kirchhof die Gaden. Auch hat man die Kirche selbst mit Wehranlagen versehen, die nicht immer erhalten blieben. Der Eingang der Kirche bedurfte besondere Sicherung. Die einfachste und häufigste Form ist die Sperrung des Türflügels durch eine einen Riegelbalken. An die Stelle der Sperrriegel traten später die ungefügten Blockriegel.[13]

"Vollends zur Festung wurde die Kirche, wenn über Langhaus und Chor ein Obergeschoß gesetzt und durch Schießscharten zur Verteidigung eingerichtet wurde. Dieser überall in Österreich, aber besonders in Kärnten geübgte Vorgang war so einfach, daß jede Kirche mit verhältnismäßig geringer Mühe in eine Wehrkirche umzuwandeln war. Man brauchte nur die Umfassungsmauern um etwa 2 m über das Gewölbe höherzuführen und darauf das Dach zu zimmern, um darunter einen Raum zu gewinnen, aus dem die Verteidigung durch die die Umfassungswände durchbrechenden Schießscharten erfolgen konnte. ... Nirgens sind noch die Fußböden dieser Wehrobergeschosse vorhanden. Sie ruhten auf Trambalken, deren Enden in den Seitenmauern steckten, wo die Balkenlöcher heute von ihnen Zeugnis geben. Häufig sind durch Neuanlage des Gewölbes diese Anzeichen verdeckt."[14]

2 Wehrgeschosse übereinander, wie sie oft in Siebenbürgen anzutreffen sind, gibt es nur in Berg, dessen Befestigung eine Sonderstellung einnimmt. Kirchtürme an Wehrkirchen werden oft mit einem Bergfried verglichen, der als Deckungsbau und als letzte Zuflucht den stärksten Wehrbau einer Burg darstellt.[15] Wie die Bergfriede waren auch die Kirchtürme nicht für einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Eine Ausnahme macht nur der Kirchturm in Kraig.[16]

Als die Türken 1473 über den Kankerpass erstmals in Kärnten eindrangen, verbrannten sie "die Kirchen Amelstorff, Laybstorff und Waffenldorf". Sie fingen viel Volk in den Kirchen ein und brachten es in ihr Lager. - Der Bericht des Chronisten Unrest († 1500) werden "ausschließlich Kirchen als Opfer der Türken genannt. Sie dienten als Zufluchtsort, auch zur Bergung der Habe, aber gekämpft wurde um sie nicht. Offenbar waren die Kirchen damals noch nicht befestigt. Erst zu dem neuerlichen Einfall 1478 berichtet Unrest über Wehrkirchen und Kämpfe um sie. Ganz plötzlich ist in Kärnten die Wehrkirche da. Es scheint, daß in den 5 Jahren zwischen den beiden Einfällen die Kärntner Bauern angefangen haben ihre Kirchen zu befestigen. Sie spielten von da an eine wichtige Rolle in den Kämpfen das ausgehenden 15. Jh."[17]

"Es waren nur kleine, auf leichten Rossen sehr bewegliche und schwach bewaffnete Truppen, die damals die Türken in das Land sandten. Sie schlugen irgendwo im Lande ein festes Lager auf, von dem aus sie ihre Streifscharen in die Dörfer schickten, um dort zu rauben und Sklaven zu erbeuten, nicht anders wie noch im späten 19. Jh. die arabischen Sklavenhändler im Sudan. So ungehindert konnten die Türken das Land in allen seinen Teilen durchstreifen, daß es Unrest zu dem Ausruf veranlaßte: 'Das sollt billig ain jeder Mensch zu Herzen nehmen, daß es ein so kleine Macht Türken, die man das meiste geschätzt 8000, durch die Drautäler Kärnten, winisch Land und Krain mit samt dem Karst ungeirrt und unbestritten gezogen sind und solch großen Schaden getan hat und ihnen niemand kein Wiederstand tan hat. O Gott im Himmel, es wär Zeit, da das christliche Schwert dem türkischen Säbel sein Schneid nähme.'"[18]

Anfänglich versagten die Wehrkirchen oder ihre Besatzungen. Die in den Kirchhof geflüchteten Bauern ließen sich nach dem 1. Ansturm der Türken in Verhandlungen ein. Die Türken verlangten die Auslieferung des in der Kirche verwahren Gutes und boten den Verteidigern Leib und Leben an. Doch regelmäßig kam es nach der Übergabe zur Gefangennahme und Niedermetzelung. So 1478 in St. Jakob im Rosental, in St. Daniel im Obergailtal und 1480 in St. Marein (Gemeinde Wolfsberg). Doch es gab auch erfolgreichen Widerstand, so 1478 in Gallizien, Maria Rojach und Altenmarkt.[19]

Neben den Türken bedrohten auch die Ungarn Kärnten. Als die Ungarn Friesach und Althofen eroberten, besetzten sie viele der von Bauern gegen die Türken befestigten Kirchen und benützten sie als Stützpunkte ihrer Herrschaft, von denen aus sie ihre Beutezüge unternahmen. Dies betraf vor allem die Wehrkirchhöfe am Krappfeld. Zu schweren Kämpfen kam es um die Kirche St. Kunegund am Hohenfeld. Bekannt ist die 3-tägige Belagerung von Maria Saal, bei der die Ungarn auch ein Geschütz einsetzten. In Gurnitz, St. Ulrich bei Feldkirchen, Tainach u.a. Orten wurden die Kirchhöfe eingenommen und der von den Bauern darin aufbewahrten Güter beraubt. [20]

Die Bedrohung durch die Türken bestand auch im 16. Jh., wenngleich es zu keinem Einfall nach Kärnten kam. 1578 ordnete Erzherzog Karl (1564-1590) an, dass nicht nur Zufluchtsstätten, sondern auch Schlösser, Kirchen und Tabor mit Mauern umfangen und befestigt werden sollen. Hierzu hatten alle Untertanen im Umkreis von bis zu 4 Meilen jährlich 3 Tage Dienste zu leisten. "Man kann also annehmen, daß die Wehrkirchen in gutem Stand gehalten und nun als Bestandteile der Landesverteidigung betrachtet wurden."[21]

Siebenbürgen

Georg Oprescu schreibt über die Wehrkirchen in Siebenbürgen: "Diese Kirchenfestungen sind eine der erstaunlichen Bauleistungen aus dem Zeitalter des Feudalismus, die dem Forscher überraschende Aufschlüsse geben können. Wenn wir diese eigenartigen Bauwerke genauer untersuchen und die Geschichte ihrer Entstehung studieren, so klären sich nicht nur Probleme der Kunst, sondern auch verwirklichte historische und sozial-gesellschaftliche Fragen.
Die Kirchenburgen sind keine ausschließlich siebenbürgische Sonderleistung. Es gibt solche Bauten vereinzelt auch in anderen europäischen Ländern. Nirgends aber haben diese aus zwingender Notwendigkeit, in Jahrhunderten fortwährender Gefährdung errichteten Verteidungswerke solche Ausmaße angenommen, nirgends weise sie eine solche Verschiedenartigkeit der Lösungen auf, nirgends finden wir so geistvolle Kombinationen wie in Siebenbürgen."[22]

"Einige dieser Faktoren veranlassen die Umwandlung des einen oder anderen Teils der Kirche - Vorhalle, Hauptschiff, Seitenschiffe, Querschiff, Chor oder Apsis - in ein Festungswerk, und zwar dadurch, daß über den Deckengewölben dieser einzelnen Teile oder auch, in manchen Fällen, in einem riesigen gemeinsamen Wehrgeschoß ein geeigneter Manövrierraum für die Verteidiger geschaffen wird. Die Mauern werden mit runden oder senkrecht geschlitzten Schießscharten für die Bogenschützen und später auch für die Gewehrschützen, mit Pechnasen und mit den so charakteristischen taschenförmigen Gußlöchern zwischen zwei Strebepfeilern versehen, aus denen die Belagerten große Mengen kochenden Wassers, siedendes Pech oder entzündbare Flüssigkeiten schütten und Baumstämme oder Steinquader auf die bis an den Fuß der Kirchenmauer vorgedrungenen Feinde werfen konnten."[23]

"Andere Faktoren führen zum Bau bedeutender Mauern von einer Höhe bis zu 15 Metern und einer Dicke bis zu vier Metern, aus denen um den Kirchplatz ein Mauerring geschaffen wird, dessen Anlage entsprechend dem Gelände, den strategischen Notwendigkeiten und dem genau ausgearbeiteten Verteidigungsplan sehr unterschiedlich sein kann. Es gibt einfach, doppelte, ja sogar dreifache Mauerringe; die Befestigungsmauern sind an den Ecken, aber auch an ihren Längsfronten in gewissen Abständen durch Basteien und wuchtige, vier, fünf oder sechs Stockwerke hohe Türme verstärkt und mit Wehrgängen an der Innenseite und Schießscharten versehen. Anzahl und Verteidiungswert der Wehrtürme und anderen Festungswerken sind von Burg zu Burg verschieden."[24]

"Es gab Fälle, in denen die Kirche so lange der einzige befestigte Zufluchtsort für die Dorfgemeinde blieb, bis Ringmauern gebaut wurden. Dort schlossen sich die Bauern ein und verteidigten sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen einen Feind, von dem sie im Fall der Niederlage nur den Tod zu erwarten hatten. In anderen Fällen befand sich die unbefestigte und in ihrer ursprünglichen Anlage nicht veränderten Kirche inmitten eines durch eine oder mehrere Mauern befestigten Lagers, das genügend Raum bot. Die Toreinfahrt, zu der oft eine Zugbrücke über den die Burg umziehenden Wassergraben führte, war der verwundbarste und am schwersten zu verteidigende Teil. Sie war daher durch den stärksten Wehrturm gesichert und hatte die Form eines engen, dunklen, mit einem Tonnengewölbe überdeckten Ganges, der meist geradeaus führte, in manchen Fällen aber auch nach rechts oder links abbog, eine Maßnahme, die das Zurückwerfen des eingedrungenen Feindes erleichtern sollte. Ein oder mehrere in diesem Gang angebrachte Fallgitter aus Holz oder Eisen konnten vom Torturm aus bedient werden. Den Abschluß bildete ein aus dicken Eichenpfosten gezimmertes und mit schweren Eisenbändern beschlagenes Tor."[25]

"Den höchsten Verteidigungswert gewann die Anlage, wenn das Ringmauersystem und die befestigte Kirche sich gegenseitig ergänzten. Die Hauptrolle fiel meist der Besatzung des im Westteil der Kirche errichteten Hauptturms zu, der bei einigen Kirchen die Höhe von 70-75 Metern erreichte und bis zu sechs Stockwerke haben konnte, so daß Hunderte von Kämpfern in ihm Platz fanden."[26]

Die Wehrkirchen in Siebenbürgen wurden vom 15.-17. Jh. von den Sachsen erbaut Sie sind "Spiegelbilder" der Aufgabe, die den in Transsylvanien angesiedelten Deutschen ursprünglich zugedacht war: Grenzschutz des ungarischen Königreiches gegen anstürmende Nomadenvölker zu sein. Die Sachsen wurden seit Mitte des 12. Jh. nach Siebenbürgen gerufen, um die gefährdeten und oft schwach bevölkerten Landstriche im Süden und Osten zu besiedeln. Sie kamen in ihrer Hauptmasse vom Niederrhein und der Mosel. Es waren hauptsächlich Bauern und Handwerker. Von ihnen wurden über die Zeit etwa 300 Wehrkirchen errichtet, von denen Mitte des 20. Jh. noch etwa 200 erhalten geblieben waren. Einige verfielen langsam, nachdem sie gegen die modernen Feuerwaffen keinen ausreichenden Schutz boten. Andere wurden als Baumaterial für Schulen und öffentliche Gebäude benutzt.[27]

Zuweilen wurden die Wehrkirchen auch mit ornamentaler Steinplastik im romanischen Stil geschmückt, meist aber noch archaisch. Im 13. Jh. wurden auch Deutsche Ordensritter und andere Orden in Siebenbürgen angesiedelt. Doch die Ordensritter entwickelten sich rasch zu Feudalherren, die über ihr Land herrschten. Daher wurden sie wieder vertrieben. Als die Mongolen 1241 und 1242 ins Land eindrangen, stießen sie kaum auf Widerstand und konnten somit ganz Siebenbürgen brandschatzen. "Die Städte und Dörfer wurden dem Erdbogen gleichgemacht. Von der einst blühenden Provinz blieben nur noch rauchende Trümmer."[28]

Die Adligen und der hohe Klerus war vor den Mongolen geflohen. Die Bauern und die Leibeigene (Szekler) mussten um ihr Überleben kämpfen. Als ihre Feudalherren und Unterdrücker aus ihren Schlupfwinkeln zurückkehrten, hatten sie auch ihnen gegenüber Frondienst zu leisten. Die in Siebenbürgen lebenden Sachsen erholten sich schneller von den Angriffen der Mongolen und bauten eine lokale Infrastruktur auf, die zunächst Dorfleben und später auch Stadtleben ermöglichte. Die Dorfbewohner errichteten bald Kirchen, die sie zunächst mit einfachen Verteidiungswerken versahen: tiefe Gräben mit und ohne Wasser, Erdwälle und Palisaden. Damit konnten sie sich zwar vor weitere mongolischen Einfällen nicht schützen, aber sie konnten damit Leben, Hab und Gut in diesen einfachen Kirchenburgen vor Raub und Zerstörung schützen.[29]

Doch es zog Ende des 14. Jh. eine neue Gefahr auf, die Türken. Schon vor dem Fall Konstantinopels eroberten die Osmanen 1362 Adrianopel, das heutige Edirne. Sie schlugen 1389 auf dem Amselfeld das Heer des Fürsten Lazar und 1396 bei [Schlacht_bei_Nikopolis Nikopolis] das Heer des ungarischen König Sigismund. Von diesen verlustreichen Schlachten geschwächt, brach Muhammed I. erst 1420 mit einem großen Heer über den Roten-Turm-Pass in Siebenbürgen ein. Erst als 1688 Belgrad von den Christen wieder zurückerobert wurde, hörten die türkischen Überfälle in Siebenbürgen auf. Nur die Kirchenburgen konnten den Menschen Schutz bieten.[30]

1438 wollte Sultan Amurad II. ganz Siebenbürgen unterwerfen. Das stark befestigte Sebes (Mühlbach) leistet keinen Widerstand. Sibiu (Hermannstadt) verteidigte sich, obwohl ihre Stadtmauern noch nicht fertig war, hartnäckig gegen die über 10-fache Überzahl. Sie waren erfolgreich. Amurad II. zog mit seinem Heer ab und verwüstete alles auf ihrem Weg. Die Bürger von Sibiu hatten gezeigt, dass man mit einer guten Verteidigungsanlage einer großen Überzahl widerstehen kann. "Die Bewohner Siebenbürgens lernten aus diesem Beispiel, daß sie energisch den Bau von Befestigungen vorantreiben müßten. Der geeignetste Ort für Festungsanlagen war die Kirche und der sie umgebende freie Platz. Schon 1436 hatt der Dechant von Sibiu (Hermannstadt) dem Papst berichtet, 'daß die von den Türken bedrängten Sachsen in befestigten Kirchhöfen Schutz suchten.'"[31]

So begann im 15. Jh. in Siebenbürgen der systematische Ausbau von Kirchenburgen. Erfahrungen der einen Gemeinde aus den Kämpfen gegen die Türken wurden allen anderen mitgeteilt. Dadurch wurden in Siebenbürgen die Kirchenburgen stetig optimiert. "Im Laufe der Zeit wurde den vorhandenen Wehrtürmen ein weiterer hinzugefügt, die Außenwerke oder sogar die Kirche selbst um ein Wehrgeschoß erhöht, manchmal das Kirchendach höher gezogen, um Platz für noch mehr Verteidiger zu schaffen. ... Für den Architekten ergab sich immer wieder die Aufgabe, die Neubauten an den alten Bau hermonisch anzugleichen. Wir können feststellen, daß zwischen den älteren Teilen, die noch dem 13. Jahrhundert angehören, und allem, was später errichtet wurde, trotz der Stilunterschiede eine vollständige Übereinstimmung gewahrt wurde. Die stark befestigten, in großen Zeitabständen ergänzten und veränderten Kirchenburgen in Biertan (Birthälm) oder Vorumloc (Wurmloch) zum Beispiel sind so ausgeglichen in ihren Formen und Maßverhältnissen, daß sie Bewunderung erregen."[32]

Viele dieser Wehrkirchen besaßen an den Portalen geringen plastischen Schmuck im romanischen Stil, selten an Säulen und Pfeilern. Innen wurden sie oft umfangreich ausgemalt. Reste dieser Fresken aus dem 12. Jh. (z.B. Homorod) bis zum 16. Jh. sind noch erhalten. Einige von ihnen wurden bei Restaurationsarbeiten wiederentdeckt. Bemerkenswerte Fresken sind in Medias, Biertan, Alba Julia, Sighisoara, Härman und Malmkrog.[33]

Jüngeren Datums sind die bemalten Altartafeln, die zahlreiche Dorfkirchen schmücken, so in Biertan, Saes, Halchiu, Prejmer und Malincrav sowie in einigen Städten wie Sebes, Meddias und Sighisoara. Einige Flügelaltäre füllen die ganze Breite des Chores aus. Bei riesigen Altar von Biertan sind es insgesamt 28 Tafeln. Die Einflüsse erfolgteen über die Handelsbeziehungen nach Polen, Schlesien und Ungarn.[34]

"An der Innenseite der Ringmauern, unter den Wehrgängen, sind vielfach Wohnräume für Familien der Belagerten und riesige hölzerne Truhen zur Aufbewahrung des Getreides und anderer Vorräte eingerichtet worden. Die Gemeinde, die in den Pausen zwischen den Belagerungen große Entbehrungen auf sich genommen und alle Kräfte angespannt hatte, um sich für den nächsten Ansturm in jeder Hinsicht vorzubereiten, zog sich beim ersten Alarmzeichen in den befestigten Innenhof oder in der zur Festung ausgebauten Teil der Kirche zurück, auch die Bewohner der umliegenden Dörfer mit ihrem Vieh; die Tore wurden geschlossen, die Zugbrücke hochgezogen, die Fallgitter herabgelassen. Und nun begann in der Kirchenburg, wo alles zum langen Aufenthalt Notwendige aufgestapelt war, ein andersartiges Leben, ein wegen der Enge des Raumes verringertes Tagwerk, eine Miniaturausgabe des normalen Arbeits- und Tagesablaufs. Jeder setzte, abgesehen von den Zeiten, in denen alle Kräfte im Kampf eingesetzt waren, sein Handwerk fort; auch der Schulunterricht wurde nicht unterbrochen."[35]

Anhang

Literatur

  • Bundesland Sachsen: Erzbergische Wehrkirchen. Regensburg 1996.
  • Wolfram von Erffa: Die Dorfkirche als Wehrbau. Stuttgart 1937.
  • Wolfram von Erffa: Wehrkirchen in Oberfranken. Kulmbach 1956.
  • Hermann Fabini: Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen. Band 1. Hermannstadt 1998.
  • Hermann Fabini: Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen. Band 2. Hermannstadt 1999.
  • Volkmar Geupel: Führer zu den Burgen und Wehrkirchen im Erzgebirgskreis. Dresden 2013.
  • Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971.
  • Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. II. Wien 1972.
  • Karl Kolb: Wehrkirchen und Kirchenburgen in Franken. 1981.
  • Karl Kolb: Wehrkirchen in Europa. Würzburg 1983.
  • Frank Letz: Siebenbürgisch sächsische Kirchenburgen. 2. Auflage. München 1973.
  • Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961.
  • Edmund Zöller: Fränkische Wehrkirchenstraße. Uffenheim 1995.
  • Edmund Zöller: Fränkische Wehrkirchenstraße /2: Fränkische Wehrkirchen im Rangau und im Knoblauchsland. Uffenheim 1993.
  • Edmund Zöller: Fränkische Wehrkirchenstraße /3: Wehrkirchen und Kirchenburgen in Unterfranken : Steigerwald, Rhön, Spessart, Fränk. Weinland. Uffenheimm 1994.
  • Edmund Zöller: Wehrkirchen und Kirchenburgen in Oberfranken. Fränkische Schweiz, Obermaintal, Coburger Land, Frankenwald. Uffenheim 1999.

Anmerkungen

  1. In Oberwälden war dieser Aufgang zum Obergeschoss 54 cm breit und führte dann um eine Ecke (Dorfkirche als Wehrbau, 104).

Einzelnachweise

  1. Wolfram von Erffa: Die Dorfkirche als Wehrbau. Stuttgart 1937, 55.
  2. Wolfram von Erffa: Die Dorfkirche als Wehrbau. Stuttgart 1937, 109.
  3. Wolfram von Erffa: Die Dorfkirche als Wehrbau. Stuttgart 1937, 142.
  4. Karl Kolb: Wehrkirchen in Europa. Würzburg 1983, 132.
  5. Karl Kolb: Wehrkirchen in Europa. Würzburg 1983, 133.
  6. Karl Kolb: Wehrkirchen in Europa. Würzburg 1983, 139.
  7. Karl Kolb: Wehrkirchen in Europa. Würzburg 1983, 141.
  8. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 5.
  9. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 6.
  10. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 6.
  11. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 7.
  12. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971,7.
  13. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 8.
  14. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971,9.
  15. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971,9.
  16. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 10.
  17. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 11.
  18. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 11.
  19. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 12.
  20. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 12.
  21. Karl Kafka: Wehrkirchen Kärntens. I. Wien 1971, 12.
  22. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 5.
  23. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 6.
  24. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 7.
  25. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 7.
  26. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 8.
  27. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 8.
  28. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 9.
  29. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 10f.
  30. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 11.
  31. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 12.
  32. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 13.
  33. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 13.
  34. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 14.
  35. Georg Oprescu: Die Wehrkirchen in Siebenbürgen. Dresden 1961, 15.